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Nachrichten v. 16.09.2004, S. 2
DDR und Finnland als Vorbild
Lernen von erfolgreichen Pisa-Ländern heißt: Schüler in kleinen Gruppen
individuell fördern.
GEW-Vorsitzende Stange hält eine "Schule für alle" für Deutschlands
Weg aus der Bildungsmisere.
BERLIN. Nach
Ansicht der Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW),
Eva-Maria Stange, ist eine „Schule für alle" die richtige Antwort auf
die deutsche Bildungsmisere. Innerhalb der nächsten zehn Jahre sei ein
Umsteuern durchaus möglich, sagte Stange im Gespräch mit unserem
Korrespondenten Hagen Strauß.
Frau
Stange, wäre die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems die richtige
Reaktion auf das miserable deutsche Abschneiden in der neuesten
OECD-Bildungsstudie?
Stange: Wir sind froh, dass Grüne und SPD endlich einen Vorstoß in
diese Richtung unternehmen. Die GEW fordert seit langem eine Schule für alle.
Das
klingt irgendwie nach Gleichmacherei und Einheitsschule.
Stange: Das hat damit nichts zu tun. Die erfolgreichen Pisa-Länder haben
gezeigt, dass sowohl die Schüler am unteren als auch am oberen Leistungsende
davon profitieren würden. Nur in einer Schule für alle können Schüler tatsächlich
individuell gefördert werden. Das deutsche Schulsystem konzentriert sich doch
derzeit darauf, Schüler auszulesen. Nur 37 Prozent der jungen Menschen
haben deshalb eine Hochschulzugangsberechtigung. In anderen OECD-Ländern sind
es doppelt so viele.
Die
Schule für alle, wie soll sie in der Praxis funktionieren?
Stange: Man braucht sich eigentlich nur eine verlängerte Grund- schule
vorzustellen. Alle Kinder, egal mit welchen Leistungsvoraussetzungen, egal ob
mit oder ohne Behinderung, lernen gemeinsam in einer Schule - jahrgangsübergreifend und ohne Niveaudifferenzierung. Leistungsstarke Schüler werden
diejenigen aus bildungsferneren Elternhäusern mitziehen. Auf jedes Kind muss
allerdings individuell eingegangen werden. Das geht natürlich nicht, wenn sie
30 Schüler vor sich sitzen haben. Deshalb brauchen wir viel kleinere Gruppen.
Dies ist genau das Erfolgsrezept der skandinavischen Länder.
Aber
ähnlich war es auch in der ehemaligen DDR. Hätte man von den damaligen
Strukturen im Schulbereich nicht lernen können?
Stange: Viele Menschen sind inzwischen dieser Auffassung. Übrigens haben
die Finnen dieses System in weiten Teilen übernommen und sind damit sehr
erfolgreich. Vom Ansatz her ist das längere, gemeinsame Lernen von der
Grundschule bis zur zehnten Klasse wie in der ehemaligen DDR mit Sicherheit
nicht das Verkehrteste gewesen.
Was
würde das Ende des dreigliedrigen Systems für die Lehrer bedeuten?
Stange: Die Lehrer werden eine andere Ausbildung brauchen. Heute werden
sie als Fachleute in Mathe oder Physik ausgebildet, aber nicht als Profis für
das Lernen in heterogenen Gruppen, für den Umgang mit Individualität.
Die
Neuausrichtung von Schule würde ja nicht ad hoc funktionieren. Wie lange bräuchte
man aus Ihrer Sicht dafür?
Stange: Der Prozess im Osten hat gezeigt, dass man ein Schulsystem
relativ schnell ändern kann, wenn man es politisch wirklich will. Das könnte
also ein sehr zügiger Prozess innerhalb der nächsten zehn Jahre werden.
Kommentar
hierzu aus der Dürener Nachrichten von Hagen Strauss:
Schulsystem Verstaubt und veraltet
Angesichts der massiven Gegensätze bei der Lösung der Bildungsmisere läuft
Schule wieder einmal Gefahr, zum Spielball der Ideologien zu werden. Neu ist das
nicht, die Betroffenen im Schulbetrieb kennen das. Auf ihrem Rücken werden
allzu gerne experimentelle Gefechte ausgetragen, die am Ende die Probleme nur
verschlimmbessern. Okay, der OECD-Bericht hat den Bildungspolitikern - zum
wievielten Male eigentlich? - die Augen geöffnet: Das dreigliedrige Schulsystem
ist schuld, eine Schule für alle muss her. Vorweg: Der Systemwechsel löst
nicht die massiven Finanzprobleme im Bildungsbereich. Sie sind schlichtweg das
Hauptübel, und dieses Problem darf nicht länger ignoriert werden. Aber wahr
ist auch, wer ständig mit den tollen Ergebnissen der skandinavischen Länder
herum fuchtelt, der muss auch konsequent sein, und den Weg der Skandinavier im
Bildungsbereich beschreiten. Das heißt im Umkehrschluss: Das deutsche
dreigliedrige System in seiner jetzigen Form ist veraltet, verstaubt, die frühzeitige
Einteilung in Gut und Schlecht ein Hemmschuh für die Entwicklung dieses Landes.
Das hätte man übrigens auch früher wissen können, wenn man sich vor 15
Jahren getraut hätte, die Strukturen des Bildungssystems der ehemaligen DDR mal
genauer zur Kenntnis zu nehmen. Dann wäre heute nicht alles, aber vielleicht
doch einiges besser.