Düren

Arbeitstreffen FREIE LINKE Düren

Wenn die Massen von den „Spitzen" fortgehen, wenn ein Abgrund, eine Spalte zwischen den leitenden Parteiinstanzen und den unteren Schichten entsteht, bedeutet es, daß in den oberen Instanzen etwas faul ist, besonders dann, wenn die Massen nicht schweigen, sondern denken, hervortreten, sich verteidigen, ihre Losungen behaupten. (Alexandra Kollontai 1921)


Voller Tank statt voller Bauch – Weder Fressen noch Moral !
Leo Mayer, 23.10.2008

Die EU-Rinderförderung liegt mit durchschnittlich 2,62 USD pro Tag und Rindskopf deutlich über dem Tageseinkommen der Hälfte der Weltbevölkerung. Um ein Kilo Fleisch zu produzieren, benötigt man sieben Kilo Getreide als Futtermittel. Eine verheerende Kalorienbilanz. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Zahl der Hungernden von 848 auf 923 Millionen Menschen erhöht, d.h. jeder siebte Mensch auf dieser Erde ist unterernährt. Tendenz steigend. Seit Jahrzehnten sterben täglich mehr als 20.000 Menschen an den Folgen von Hunger. Doch sie hungern und sterben nicht etwa, weil es zu wenig Lebensmittel gibt, sondern weil sie deren Marktpreise nicht zahlen können. Dies ist die Normalität kapitalistischer Verhältnisse. Auf die Tagesordnung des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der Regierungen der kapitalistischen Zentren kommt dieses Thema aber erst, wenn infolge gestiegener Lebensmittelpreise Hungerrevolten ausbrechen und Regierungen gestürzt werden. Noch vor wenigen Monaten waren die Krisengipfel zur Bekämpfung des Hungers in den Schlagzeilen. Die führenden Industrieländer sagten Hilfsgelder von 12,3 Milliarden Dollar zu. Doch selbst dieser Betrag wurde bislang nicht ausgezahlt. Lediglich eine Milliarde ist bisher zur Verfügung gestellt worden. Jetzt hat die Finanzkrise die Hungerkrise aus den Medien und den Aktivitäten der Regierungen verdrängt. Mit mehreren Tausend Mrd. Dollar - allein in Deutschland 500 Mrd. Euro - wird den Banken unter die Arme gegriffen. Während für die Rettung der Vermögen der Reichen unvorstellbare Summen bereitgestellt werden, scheint die Welternährungskrise und der Hunger von Hunderten Millionen Menschen vergessen. Dabei verschärft das Platzen der Immobilienspekulation und die Finanzkrise das weltweite Hungerproblem. Die freigewordenen Milliarden suchen neue Anlagemöglichkeiten – und treiben die Preise. Kredite für Schrottimmobilien, das war gestern der Hit. Heute locken Gold, Öl und Zinn, Weizen und Soja - (demnächst Staatsanleihen für die Rettung der Banken). Betrug das Spekulationskapital im Rohstoffbereich im Jahr 2003 lediglich 13 Mrd. USD, so waren es Mitte diesen Jahres schon 260 Mrd. USD. Ein Plus von 1900 Prozent. Allein in den ersten vier Monaten des Jahres sind 80 Mrd. USD an spekulativem Kapital in die Rohstoffmärkte geflossen. Denn es hat keine bessere Geldanlage gegeben als in Lebensmittel. Die Finanzinvestoren sind aus Immobilien geflüchtet,
- an den Aktienmärkten zittern die Anleger vor den Gewinnwarnungen,
- die Renditen von Staatsanleihen gingen in den Keller. Aber die Anleger von Kakao-Zertifikaten gewannen gut 43 %, obwohl es genügend Kakaobohnen gibt,
- Weizen schoss innerhalb weniger Monate um 35 % in die Höhe,
- Reis um 50 % (innerhalb eines Jahres verteuerte sich Reis um 117 Prozent). Weizen und Reis sind im wahrsten Sinne des Wortes Lebensmittel. Wenn sie immer mehr kosten, müssen arme Menschen hungern, vielleicht sogar verhungern. Aber auch die US-Lebensmittelkonzerne Archer Daniels Midland und Monsanto konnten ihren Aktienkurs innerhalb von drei Jahren mehr als verdoppeln. Hierzulande rückte der Düngemittelhersteller Kali + Salz in den DAX30 auf.

Als Faktoren für den Preisanstieg werden genannt:

1. Für Angela Merkel ist der Fall klar: 250 Mio. Inder essen neuerdings zweimal am Tag! Kein Wunder, dass die Preise steigen. Also, weil die Inder und Chinesen essen wollen, muss der Rest der Welt hungern. Tatsächlich gibt es in den Schwellenländern eine wachsende Schicht, die sich Lebensmittel leisten können und deren Ernährungsgewohnheiten sich dem westlichen Vorbild annähern: Fleisch statt Getreide und Gemüse. Hier zeigt sich die menschenverachtende Seite des westlichen Konsumtionsmodells und des Marktes. Kein Fleisch-Esser oder Biosprit-Tanker möchte irgendjemanden anderem das Essen wegnehmen. Aber über die Kräfte des Marktes tut er es - lautlos und anonym. Nicht der Konsum von Fleisch ist zu verurteilen, sondern das Verbrechen liegt darin, die Verteilung von Lebensmitteln dem Weltmarkt zu überlassen. Übrigens: China führt mehr Fleisch, Weizen und Mais aus, als es importiert.
2. Urbanisierung: Das verfügbare Ackerland schwindet, die Zahl der städtischen Konsumenten steigt.
3. Bio-Treibstoff: Auf immer mehr Feldern wächst statt Nahrung das Rohmaterial für Treibstoff zum Ersatz von Erdöl.
4. Klimakatastrophe: Hurrikane, Überschwemmungen, Dürreperioden verursachen Ernteausfälle und vertreiben die Menschen von ihrem Land.
5. Spekulation: siehe oben. Lt. Institut für Wirtschaftsforschung in Halle ist der Realtausch zu einem Ausnahmefall an den Lebensmittelbörsen geworden. Bei Weizen wechseln nur noch 3 Prozent der gehandelten Menge tatsächlich den Besitzer. (SPIEGEL, 24/2008)
6. Vorräte: Viele Staaten haben ihre Getreidevorräte aufgebraucht,
- denn im Zuge der Deregulierung des Weltmarktes hat die WTO Nahrungsmittelreserven als eine „Marktverzerrung“ bezeichnet, die beseitigt werden müsse.
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Die jahrzehntelange Politik von IWF und Weltbank hat mit ihren Strukturanpassungsprogrammen dafür gesorgt, dass die landwirtschaftliche Produktion in den Entwicklungs- und Schwellenländern auf Export ausgerichtet wurde.
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Der hochsubventionierte Agro-Industrielle Komplex der kapitalistischen Zentren warf die Überschussproduktion zu Schleuderpreisen auf den Weltmarkt und hat so die lokale landwirtschaftliche Produktion der Kleinbauern in den Entwicklungsländern ruiniert. In den Entwicklungsländern lohnten sich - angesichts der niedrigen Agrarpreise - Investitionen in die Landwirtschaft kaum.

Jetzt sind die Preise an den Agrar-Rohstoffmärkten wieder gefallen. Dies wirkt sich bisher aber kaum auf die Lebensmittelpreise aus. Die großen Gewinner sind die internationalen Lebensmittelkonzerne. Ein Dutzend transnationale Schlüsselunternehmen beherrscht zusammen mit ca. 40 mittleren Multis die sog. „Nahrungsmittelkette“. An der Spitze stehen die sechs Größten des Getreidekartells: Cargill, Continental CGC, Archer Daniels Midland, Louis Dreyfus, André sowie Bung and Born. Ihre Herrschaft in der Welt der Körner bis hin zu Fleisch und Milch scheint absolut.

Zusammenfassend:
Die Preisexplosion bei Lebensmittel und die damit verbundene Ernährungskrise ist nicht die einfache Folge einer gestiegenen Nachfrage nach Lebensmitteln oder des Anbaus für Bio-Sprit, sondern hat direkt mit der Funktionsweise des kapitalistischen Weltmarktes zu tun. Kurzfristig gilt es, die Betroffenen vor dem Hungertod zu bewahren. Dazu sind Hilfslieferungen unerlässlich. Gelöst werden kann das Hungerproblem nur durch eine grundlegende Veränderung der internationalen Agrar- und Handelspolitik. Wenn die Agrarpolitik den Prinzipien der Ernährungssouveränität folgen würde, wie sie von der internationalen Bewegung der Kleinbauern und Landarbeiter Via Campesina vertreten wird, könnte eine Verdoppelung der Erträge erreicht und die Ernährung der Weltbevölkerung sichergestellt werden. Allerdings: mit dem Anbau von Biosprit und einem Fleischkonsum auf heutigem Niveau wird das kaum gelingen. Somit wird deutlich: Hungerkatastrophen und Hungerkrisen sind – wie Finanz- und Wirtschaftskrisen – ein Feld des Klassenkampfes. Es geht darum, wie die kreativen Potenzen jener Milliarden Menschen, die unter ungerechten weltwirtschaftlichen Strukturen leiden, freigesetzt werden können; wie für sie – und mit ihnen – ein menschenwürdiges und glücklicheres Leben erkämpft werden kann?